Prolog – Der Biss der Maus
Der goldene Glanz des Oktobers verblasste und wich den grauen Nebelschleiern des Spätherbstes. Die Sonne hing nur noch als blasse, kupferfarbene Scheibe am Horizont, ehe sie hinter den kahlen Ästen der Weiden versank und lange Schatten über den mit trockenem Gras und Farn bewachsenen Westhang der Lichtung warf.
Im letzten Rest ihrer Wärme huschte eine kleine Feldmaus durch die vergilbten Halme. Ihre Schnurrhaare zuckten, während sie zwischen Wurzeln, welkem Laub und niedrigen Wildkräutern nach den letzten öligen Samen suchte.
Ein trockenes Knacken.
Die Maus erstarrte zwischen den Halmen. Ihre Ohren richteten sich auf, die Schnurrhaare zitterten, während sie die kühle Luft prüfend einsog. Doch sie witterte keine Gefahr. Nach einigen Herzschlägen setzte sie ihre Suche fort.
Unter ihren Pfoten lag die Erde kalt und fest. Tief darunter jedoch zog sich etwas durch den Boden, das weder Wurzel noch Stein war.
Die Nächte waren inzwischen von einer schneidenden Kälte geprägt, die den morgendlichen Reif wie feine Diamantsplitter auf den Halmen glitzern ließ. Die Maus spürte das herannahende Unheil in ihren Knochen; ein instinktives Zittern warnte sie, dass die Zeit des Überflusses unwiderruflich vorüber war. Bald würde die weiße Decke aus Frost und Schnee die letzten Spuren des Sommers unter sich begraben und die Felder in tiefes Schweigen hüllen.
Doch sie war eine erfahrene Überlebenskünstlerin. Die Gefahren vergangener Nächte hatten sie Vorsicht gelehrt. Sie kannte das ungeschriebene Gesetz der Dämmerung: Wenn die Sonne verschwand, regierte der Hunger der anderen. Schattenhafte Schwingen am Himmel und lautlose Pfoten im Gebüsch zwangen sie zur Eile. Es gab eine Zeit des fieberhaften Sammelns – und eine Zeit, sich tief in der Erde zu verbergen.
Mit prall gefüllten Backentaschen flitzte sie durch das Labyrinth aus vergilbtem Gras zu ihrem verborgenen Schlupfloch. Der Geruch feuchter, schwerer Erde schlug ihr entgegen, als sie in die schützende Dunkelheit ihres Tunnelsystems rutschte und in der Tiefe verschwand.
Schon vor einiger Zeit hatte sie damit begonnen, ihre unterirdische Zuflucht beharrlich auszubauen, die Gänge zu vertiefen und die Kammern zu erweitern. Der Sommer war mild gewesen und hatte Getreide und Wildfrüchte im Überfluss hervorgebracht. In ihrer Hauptkammer stapelten sich nun goldene Weizenkörner, runzelige Hagebutten und harte Haselnüsse, die Platz und Schutz vor der Feuchtigkeit brauchten.
Beim mühsamen Graben eines neuen Seitenarms war sie jedoch auf ein Hindernis gestoßen, das ihr Rätsel aufgab.
Ein langes, glattes Ding zog sich durch das Erdreich.
Zuerst hatte sie es für einen jener fetten Regenwürmer gehalten, die eine seltene und willkommene Beute waren. Doch dieser Wurm war anders als alles, was sie in ihrem kurzen Leben bisher gefunden hatte.
Seit drei Tagen bereits grub sie an ihm herum. Der vermeintliche Leckerbissen war inzwischen auf einer Länge freigelegt, die doppelt so groß war wie sie selbst, und noch immer verschwanden seine Enden tief im unnachgiebigen Boden.
Er verströmte weder den vertrauten Geruch feuchter Erde noch den einer Beute; stattdessen haftete ihm etwas Fremdes, beinahe Metallisches an. Seine Oberfläche war glatt, hart wie Stein und zäh wie altes Leder. Jeder Versuch, an das vermeintlich weiche Innere zu gelangen, war bisher am Widerstand der dunklen Hülle gescheitert.
Die Maus setzte erneut an der bereits angenagten Stelle an und biss mit aller Kraft zu.
Dieses Mal gab die widerspenstige Oberfläche tatsächlich nach. Ein winziges Stück der dunklen Haut löste sich unter dem Druck ihrer scharfen Zähne.
Der Geschmack war abscheulich: bitter, beißend und fremder als alles, was sie je zwischen Wurzeln und Erde gefunden hatte. Sofort wich die Maus zurück und schüttelte heftig den Kopf.
Doch ihre Neugier war stärker als der Widerwille.
Dort, wo die Hülle verletzt war, ertasteten ihre Schnurrhaare in der absoluten Finsternis des Tunnels ein feines Bündel freigelegter, eiskalter Drähte. Die Maus näherte sich vorsichtig, schnupperte daran und setzte erneut die Zähne an.
Ein greller, bläulicher Funke zuckte durch das freigelegte Geflecht und erhellte den engen Tunnel für den Bruchteil einer Sekunde mit unnatürlichem Licht. Ein trockener Knall hallte durch die unterirdischen Gänge – und die kleine Maus sank reglos zu Boden.
Tief unter ihrer bescheidenen Wohnhöhle, in Regionen, die seit Äonen kein Lebewesen mehr betreten hatte, registrierten uralte, in Silizium und Gold geätzte Schaltkreise eine minimale Spannungsänderung. Sie interpretierten den winzigen Kurzschluss als Anomalie und setzten mit logischer Unerbittlichkeit eine Kaskade automatischer Routinen in Gang.
Hunderte Meter unter Fels, verborgen unter Schichten aus Zeit und Staub, ging ein Zittern durch die gewaltige Anlage. Relais schalteten, Energieleitungen öffneten sich, und in der Tiefe liefen die ersten Pumpen an. Kurz darauf breitete sich ein tiefes Summen im Gestein aus. Nach fast zehntausend Jahren erwachte die Anlage aus ihrem Schlummer.
